Der Feind von gestern wird mein Freund, falls ein größerer Feind auftaucht

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Marktupdate 10/2022

Markus Schön, Dienstag 08. März 2022

 

Der Dax weist ein Wochenminus von über 10% aus und hat damit in der negativen Jahresentwicklung 2022 die US-Technologiebörse überholt. Während der Nasdaq in diesem Jahr um 15% gefallen ist, liegt der Verlust des deutschen Leitindex bei fast 20%. Dies kommt bei Euro-Anlegern auch ungebremst an, während die Verluste der US-Aktien durch den starken US-Dollar zumindest leicht gebremst werden. Dieser hat im Vergleich in diesem Jahr zur europäischen Gemeinschaftswährung fast 4% hinzugewonnen. Ursache ist natürlich die Flucht in „sichere Häfen“, da der Krieg in der Ukraine immer weniger berechenbar erscheint. Inzwischen wird viel diskutiert, was vor wenigen Tagen noch undenkbar erschien. So fordern die USA Polen auf, Kampfflugzeuge an die Ukraine zu liefern, die CDU/ CSU schließt ein Eingreifen der NATO nicht mehr kategorisch aus und die EU und die USA beraten gemeinsam, die Importe von russischem Öl zu stoppen. Zu diesem Zweck soll eine US-Delegation in das eigentlich feindlich betrachtete Venezuela gereist sein, um über Öllieferungen und eine stärkere Isolation Russlands zu verhandeln. Die Verhandlungen der USA über eine Wiederaufnahme des Atomabkommen mit dem Iran werden auch immer zügiger geführt, weil die Rückkehr des Iran als Lieferant für den globalen Ölmarkt für eine Preisentspannung sorgen könnte. Es geht also nach dem Motto „Der Feind von gestern wird mein Freund, falls ein größerer Feind auftaucht“. Russland ist im Ölsektor global schwierig zu ersetzen; für Gaslieferungen ist dies in Europa zumindest kurzfristig ausgeschlossen. Allein für diesen Energieträger zahlt Deutschland monatlich 6 Mrd. Euro an Russland. Wenn man dies sanktioniert oder Russland die Gasversorgung kappt, werden die Folgen für die europäische und deutsche Wirtschaft dramatisch sein. Es droht dann eine Wirtschaftskrise, die die Finanzkrise 2008 übertreffen würde.

 

Schon jetzt ist mit der Automobilbranche ein wesentlicher Sektor belastet. BMW und der Volkswagen-Konzern melden für verschiedene Werke Kurzarbeit. In Europa werden bis zu 50.000 Fahrzeuge weniger als geplant produziert. Dies liegt nicht an Problemen in der Energieversorgung als vielmehr an Lieferausfällen von Vorprodukten aus der Ukraine. Dort werden u. a. Kabelbäume für viele europäische Hersteller gefertigt. Für Software-Unternehmen ist die Ukraine aber auch ein wichtiger Standort. Von diesen Gefahren ist durch die starken Rückgänge an den Kapitalmärkten einiges eingepreist. Der Hauptbelastungs-faktor ist aber die Unsicherheit, wie es weitergeht. Im Augenblick sieht sehr viel nach einer weiteren Eskalation aus, weil die Sicherheit der ukrainischen Atomkraftwerke nicht mehr uneingeschränkt gegeben zu sein scheint. Die internationale Atombehörde hat u. a. zum größten Atomkraftwerk Europas nur noch eingeschränkten Kontakt. Zudem scheinen die Angriffe Russland auf die Großstädte der Ukraine immer mehr zivile Ziele zu treffen und letztlich rüsten alle Beteiligten auch verbal immer weiter auf. So hat Russland relativ unverhohlen mit Angriffen auf Nachbarstaaten der Ukraine gedroht, wenn diese der US-Forderung nach Luftunterstützung durch Flugrechte für das ukrainische Militär oder die Bereitstellung von Kampfflugzeugen nachgeben sollten. Völlig unklar wären die Folgen, wenn es zu einem Öl-Embargo gegen Russland käme. Neben Versorgungs-engpässen, weiter deutlich steigenden Preisen und den damit einhergehenden Inflationsentwicklungen könnte eine russische Gegenreaktion im Stopp der Gaslieferungen liegen. Dann steuert Europa auf eine Entwicklung wie zum Ende der 1920iger Jahren zu. Keine zwei Jahre nach der letzten großen Krise durch die Corona-Pandemie ist mindestens Europa wieder im Krisenmodus. Ähnlich wie zu Beginn der Corona-Pandemie weiß niemand, wie sich diese Situation weiterentwickelt. An den Kapitalmärkten wird es weiterhin extrem nervös bleiben. Da die Nachrichten vom Wochenende eher wieder schlecht waren, dürfte der DAX die Marke von 13.000 Punkten nicht halten. Neben den weiteren Schritten auf militärischer Ebene sind für die weitere Entwicklung an den Kapitalmärkten die Fragen entscheidend, wie die Notenbanken auf die geänderten Bedingungen reagieren und welche Ereignisse die Kapitalmärkte noch beeinflussen. Die EZB wird eher noch vorsichtiger agieren, auch weil Europa auf vielen Ebenen unmittelbar betroffen ist. Zudem stehen bei den russischen Energiekonzernen Rosneft und Gazprom in den nächsten Tagen Rückzahlungen von Anleihen in Milliardenhöhe an. Es ist fraglich, ob diese bedient werden. Schließlich hatten die Sanktionen schon dazu geführt, dass einige Staatsanleihen anderer europäischer Staaten nicht mehr liquide waren, weil wesentliche Bestände von der russischen Notenbank gehalten werden. Die weltweiten Verflechtungen sorgen dafür, dass es bei so weitreichenden Sanktionen auch immer Wechselwirkungen gibt. So führte das Schließen der russischen Börse in Folge der Sanktionen auch zu gravierenden Folgen bei vielen Banken und Fondsgesellschaften. So sind verschiedene Osteuropa-Fonds geschlossen worden, weil eine objektive Kursfeststellung nicht möglich ist. Andere Anbieter verhandeln über Ausnahmen bei den sanktionierten Wertpapieren, weil sonst die Liquidität nicht ausreicht, um die Fondsverbindlichkeiten zu bedienen.

 

Dies sollten Anleger im Blick behalten, wenn sie aktuelle Marktentwicklungen beurteilen. So haben sich manche Anbieter vermeintlich hervorragend gehalten. Letztlich basieren die Kursdaten aber auf historischen Werten. Bei Anbietern, die in liquide Wertpapiere investieren und Sicherheit über Rendite stellen, sind solche Entwicklungen nicht möglich. Aber auch so sind die Renten- und Aktienmärkte herausfordernd. Während vor wenigen Wochen noch eine Zinswende als größte Bedrohung für die Kapitalmärkte galt, wünscht man sich fast diese Zeiten zurück. Jetzt steigen die Kurse erstklassiger (Staats-)Anleihen wieder besonders stark, aber die Aufschläge bei allen Anleihen, die nicht staatlich sind, zeigen, wie nervös die Märkte sind. Nie war die Differenz zwischen Bundesanleihen und beispielsweise der staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) größer.

 

Der Rallye bei Staatsanleihen steht ein starker Einbruch bei den Aktienmärkten gegenüber. Die Wertentwicklung des DAX in den letzten 20 Jahren liegt bei knapp 2,3% p. a. und wird locker von jeder Anleihen-Wertentwicklung übertroffen. In aktiv gemanagten Konzepten wie bei Schön & Co erreicht man in diesem Zeitraum Werte, die mehr als doppelt so hoch sind, aber weit weniger als halb so stark schwanken. Aber auch die von uns favorisierten, substanzstarken Werte können sich der starken Abwärtsbewegung nicht entziehen. Natürlich sind die Rückgänge solcher Aktien nicht so stark wie bei Delivery Hero oder Hello Fresh, die sich mehr als halbiert haben, aber die vielfach im zweistelligen Bereich liegenden Rückgänge zeigen, wie wenig derzeit fundamentale Daten beachtet werden. Dies bietet natürlich Chancen, selektiv Aktienpositionen in entsprechend starken Werten aufzubauen.

 

1,5%. Gerade die vergangenen Handelstage zeigen die Überlegenheit des US-Aktienmarktes – insbesondere aus Sicht europäischer Investoren. Neben einem geringeren Rückgang an den dortigen Aktienmärkten dämpft die relativ starke Entwicklung des US-Dollars die Verluste moderat. Aber insgesamt wirkt der Euro in diesem Umfeld nicht wie ein „sicherer Hafen“. Vielmehr können gerade die rohstoffnahen Währungen – natürlich mit Ausnahme des Russischen Rubel – gegen den Euro auch im Wochenvergleich deutlich gewinnen. Der Australische und der Neuseeländische Dollar sind jeweils um knapp 5% gestiegen. Schließlich sind diese Währungsräume auch geografisch weit entfernt und möglicherweise wird Europa bald auf Kohle-Importe aus Australien zurückgreifen müssen, um Energiesicherheit zu gewährleisten, wenn man Russland weiter sanktioniert.

 

Allein diese Überlegung zeigt, wie sehr sich die Welt verändert hat. Statt Klimaschutz rückt nun die Energie- und Versorgungs-sicherheit in den Fokus. Aber auch die Frage, wie lange die aktuellen Energie- und perspektivisch die Lebensmittelpreise zu bezahlen sind, wird in den etablierten Industrienationen immer drängender. Um soziale Härten zu vermeiden, kann dies nur durch höhere staatliche Leistungen erfolgen, die dann wiederum zu weiteren Schulden führen. Zusammen mit der Unsicherheit sorgt dies für einen Preisauftrieb bei nahezu allem, was endlich ist. Hierzu zählen Industriemetalle, aber vor allem die Edelmetalle. Während man bei Gold und Platin über die Realisierung von Gewinnen nachdenken kann, dürfte insbesondere Silber weiter steigen. Es wird industriell benötigt und ist ein Inflationsindikator.

 

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